Verrostete Tragseile an Aufzugsanlagen

Manchmal finden wir in dem Prüfprotokoll einer Zugelassenen Überwachungsstelle den Hinweis, dass die Tragseile einen Rostansatz aufweisen und dass deshalb die Seile zu ersetzen sind oder besonderer Beobachtung bedürfen. Das ist nicht neu und auch nicht ungewöhnlich. Dieses Mal haben wir aber extrem rostige Seile gefunden und weder die Zugelassene Überwachungsstelle noch die Wartungsfirma haben etwas unternommen.

Erheblicher Rost an den Seilen mit starkem Abrieb

Erheblicher Rost an den Seilen mit starkem Abrieb

Erläuterung der technischen Grundlagen:
Bei den Aufzugsanlagen handelt sich um Anlagen mit Halbrundrillen ohne Unterschnitt und doppelter Umschlingung mit einem Umschlingungswinkel von ca. 540° ( 2 x 180° + 2 x 90°)

Doppelte Umschlingung

Doppelte Umschlingung

Auch die rotigen Seile wurden gepudert

Sogar die rostigen Seile wurden noch gepudert

Fabrikneue Seile wurden gepudert.

Fabrikneue Seile wurden gepudert.

Die Treibfähigkeit der Anlagen wurde noch nach der damalig gültigen Vorschrift TRA 200 nachgewiesen. Im Vergleich zur heute gültigen Berechnungsvorschrift EN 81-1 /81-20 weist die Treibscheibe eine weit größere Treibfähigkeit auf als heutzutage notwendig wäre. Weil die Aufzugsanlagen dieser Bauart vom damaligen nach unseren Informationen nicht gerutscht sind, obwohl auf das Pudern verzichtet worden ist, gehen wir aktuell von falschen Seilen, abgenutzten Rillen oder falscher Pflege aus.

Sichtbarer Rost an Tragseilen:
Üblicherweise werden rostige Seile immer mindestens als Hinweis, wenn nicht sogar als Mangel in die Prüfprotokolle der ZÜS bei Zwischen- oder Hauptprüfungen aufgenommen, da der Rost Rückschlüsse auf den Zustand des Seiles, der Lebensdauer und die Tragfähigkeit zulässt.

Zur Erläuterung:
Jedes Aufzugstragseil besitzt vom Herstellerwerk her eine definierte Fett/Öl-Füllung in seiner Seilmitte z. T. sogar als Hanfseele ausgeführt. Beim Umlenken um Treibscheiben oder Umlenkrollen verschieben sich die Einzeldrähte innerhalb der Seillitzen gegeneinander. Diese Ausgleichsbewegung ist physikalisch zwingend erforderlich, da die bogeninnere Seilseite weniger Weg zurücklegt als die bogenäußere. Weil es sich um sogenannte Gleichschlagseile handelt, kommt noch eine Drehbewegung hinzu, weil sich der Drall an der Stelle mit der größten Last versucht zu entdrehen. Die Stelle größter Last verlagert sich mit der Hubbewegung des Aufzuges über die gesamte Förderhöhe. Es entstehen somit immer Reibungen zwischen den Einzeldrähten eines Aufzugtragseiles, die je nach Schmierungsgrad zum Einzeldrahtdurchreiben und somit früher oder später zum Verlust der angegebenen Tragfähigkeit führen. Hinzu kommt, der Aspekt der Korrosion, wenn die schützende Öl-/Fettschicht fehlt. Ein von außen angerostetes Seil kann im Inneren schon völlig zerstört sein. Der umgebende Abrieb auf dem Boden zeigt dann z. B. den Substanzverlust an. Eine sehr unsichere Methode ist es, lediglich den Durchmesser des Seiles zu messen, in der Hoffnung, so den Materialverlust im und am Seil feststellen zu können. Untersuchungen und auch die Praxis zeigen Tragseile, deren Kern komplett korrodiert ist. Der Außendurchmesser ist dann kaum geringer, obwohl der Seilkern ohne tragfähige Inhalte ist. Üblicherweise kann das erkannt werden, wenn man versucht mit einem spitzen Gegenstand in die Seilmitte zu gelangen.

Die Menge des tragfähigen Metalles in einem Aufzugtragseil lässt sich zerstörungsfrei nur durch eine Induktionsmessung feststellen und nicht durch eine Durchmesserbeurteilung! Im Falle eines Seilabrisses würde der Aufzug über den Fang mit ca. 2 g gestoppt werden, aber das Gegengewicht würde ungebremst in die Schachtgrube fallen.

Erschreckend ist für uns, dass dieser Missstand von keiner Seite her bemängelt wurde. Wir gehen davon aus, dass die Seile zwar den passenden Durchmesser zu den Halbrundrillen gehabt haben, aber möglicherweise aus weniger, aber dickeren Einzeldrähten gefertigt worden sind. Der Reibwert zwischen der Treibscheibe und den Seilen hängt unter anderem von diesem Aspekt ab.

Autor: Hartmut Mackensen, 18.01.2016